Hubert Lepka

Hubert Lepka, Dr., Choreograph und Regisseur, geboren 1958, studierte Gesang und zeitgenössischen Tanz am Mozarteum Salzburg und promovierte in Rechtswissenschaft an der Universität Salzburg.
Er lebt und arbeitet mit seiner Familie am Passauergut in Moosdorf im südlichen Innviertel, nahe Salzburg.

 Hubert Lepka at a shooting for Jochen Rindt Rennfahreroper © Magdalena Lepka

Hubert Lepka at a shooting for Jochen Rindt Rennfahreroper © Magdalena Lepka

Vom Ort ausgehen

Die Geschichte liegt da, wie ein Bodenschatz.

Alles auch einmal zu wenden, die Rückseite zu betrachten, an das wirkliche Ende eines Weges zu gehen, Dinge fertigzudenken, vorzudenken, statt nur nachzudenken — dies war mir immer eigen. Als Studienassistent am Institut für Rechtssoziologie lernte ich den kriminalsoziologischen Begriff des „labeling approach“ kennen. Es sei eine Gesellschaft und nicht der Verbrecher, die einem abweichenden Verhalten das Etikett des Abwegigen, der Devianz anhefte. Ein verkehrter Gedanke, der zu Ende gedacht womöglich ins Absurde führt, denn was Gesellschaft erst möglich macht, ist nicht frei wählbar: Vertrauen, gegenseitiger Altruismus, Vorrang des Könnens gegenüber dem Nichtkönnen.

Dieses umgestülpte Denken hatte mich jedoch in seinen Bann geschlagen. Im Theater. Was wenn nicht der Stoff die Kulisse sucht, sondern die Kulisse den Stoff. Wenn es nicht um die Musik ginge, sondern um die Instrumente und deren Art der Hervorbringung von Klang. Wenn Tanz nichts ausdrückte, sondern der Ausdruck tanzte als eine Art „abstrakte Narration“? Was wenn nicht nur Menschen tanzten, wenn die Cartesianische Mauer zwischen Menschen, Tieren und dann natürlich auch Maschinen fiele? Ist dann eine Fabrik als großes Instrument, als tanzender Körper zu verstehen?

Vor 25 Jahren waren dies die brennenden Fragen meines Schaffens. Nun denke ich folgendes: Alles was ist, ist geworden. Es hat sich auf Feldern der Reproduktion erfolgreich repliziert. So komplex und abwegig eine künstlerische Idee auch sein mag, sie ist auf dem Nährboden des zerfallenden Alten gewachsen.

Meine Werke sind Freilandpflanzen. Sie gedeihen weniger gut in den Gewächshäusern der Theaterinstitutionen, weil sie sich nach den konkreten Bodenverhältnissen richten. Sie bergen Geschichte und Erzählungen als Bodenschätze und bereiten sie in zeitgenössischen Anlagen, in einem performativen Gestell als Waren des ästhetischen Kapitalismus auf.
Mein innerer Wegweiser bleibt dabei aber stets ein mögliches Novum, die Avulsio, die Alluvio des Flusses der Zeitgenossenschaft, jenes ästhetische Neuland, das ich zwischen und hinter den bestellten Äckern und abseits der Neuzüchtungen aus den Gewächshäusern finde.

Solch künstlerische Expeditionen brauchen natürlich entsprechende Ausrüstung. Unsere Partner der öffentlichen Hand, im Tourismus und in der Wirtschaft unterstützen unser Vordringen ins Unbekannte mit Verständnis, Vertrauen und Wagemut.

Hubert Lepka

 

 Hubert Lepka at the peak of Schafberg in february 2013 © Wolfgang Lienbacher

Hubert Lepka at the peak of Schafberg in february 2013 © Wolfgang Lienbacher

Choreographie und Relevanz

"Choreographie lässt sich vom tanzenden Gegenstand her nicht fassen. Sie betrifft das Gefühl, wie Bewegung wahrgenommen wird, jede Bewegung. Durch unseren Sinn für Kinästhetik und die Fähigkeit zu Empathie konnten wir unsere Teddybären so sehr verstehen, wie wir heute die Eleganz eines Fliegers bewundern. Eine gesteigerte Vertikale als die genuine Achse des Elevationswunsches im Tanz öffnet das weite Feld für 'artful elevation®' in Lebensräumen, die oft nur als Verkehrsräume wahrgenommen werden. Autos, Bagger, Krane, Flugzeuge - alle Maschinen, von Menschen geführt - sind der elektrische Verstärker eines Tanzes, der wie vormals Rock´n Roll ausbricht aus der stickigen Luft des eng formatierten, selbstreferenziellen, dramaturgisch geknebelten Theaterraums.
Drama begreife ich als evolutionäres Geschöpf auf Basis memetischer Vorgänge: Kopie, Variation und Auswahl bilden den Algorithmus des Systems Kunst, das ohne Sinn und Richtung unablässig Schönheit neu abspeichert. Lawine Torrèn verstehe ich als aufmerksamkeitsindustrielles Unternehmen, das innerhalb einer globalen Wirtschaft als Katalysator agiert, oder Kristallisiationkerne des Erkennens zu setzen versucht, anstatt ohne Plan B, wie in einem Weberaufstand, gegen einen nicht definierbaren 'Neoliberalismus' anzurennen."
Hubert Lepka


Versuch, dem Leben in den Bauplan zu blicken

(Salzburger Nachrichten)

 

Interview - Muße

AUS DER SERIE "RENDEZVOUS IM ARTHOTEL BLAUE GANS. Hubert Lepka im Interview zum Thema Lebenstraum im Artotel Blaue Gans Salzburg. © Muße, Uta Gruenberger & Markus Hofstätter, Salzburg 2010, www.musze.tv

Pollux at Hannibal © Stefan Aglasinger


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